Was die besten Coaches der Welt wirklich von allen anderen unterscheidet — und warum man kein Ungeheuer sein muss, um Grosses zu erreichen. Erfolgreiche Coaches und was sie verbindet erörtern wir in diesem Artikel.
Was macht erfolgreiche Coaches aus?
Sergio Lara-Bercial gesteht, dass er sich etwas anderes erwartet hatte. Als er und sein Forschungspartner Cliff Mallett begannen, die erfolgreichsten Trainer der Welt zu interviewen — 17 Coaches, die zusammen mehr als 150 olympische Goldmedaillen gewonnen hatten, quer durch 10 Sportarten und 10 Länder — hatte er innerlich ein Bild vor sich: Graf Dracula. Oder die böse Hexe aus dem Westen. Hart. Kalt. Rücksichtslos. Ganz auf Sieg fixiert, koste es was es wolle.
Was die beiden Professoren stattdessen fanden, hat ihr Verständnis von Spitzencoaching grundlegend verändert. Und es stellt eine der tiefsten Annahmen in Frage, die unser Sportverständnis prägen: dass Härte und Menschlichkeit sich gegenseitig ausschliessen. Dass man ein Ungeheuer sein muss, um Grossartiges zu erreichen. Dass Führen bedeutet, zu dominieren.
Das Ergebnis ihrer Forschung, festgehalten im Buch «Learning from Serial Winning Coaches«, ist ein Gegenentwurf. Und sein Kern lässt sich in einer alten Fabel zusammenfassen — der vom Nordsturm und der Sonne.
Die Fabel, die alles erklärt
Der Nordsturm und die Sonne beobachten einen Reisenden auf der Strasse. Er trägt einen schweren Mantel. Sie wetten, wer ihn schneller dazu bringt, den Mantel abzulegen. Der Nordsturm beginnt: Er bläst und peitscht, lässt Regen und Kälte niederprasseln. Der Reisende klammert sich fester an seinen Mantel als zuvor. Dann scheint die Sonne — warm, stetig, einladend. Und ganz natürlich, ohne Zwang, legt der Reisende den Mantel ab.
Für Lara-Bercial ist diese Fabel das Destillat von Jahren Forschung. «Als Coach können wir der Nordsturm sein», sagt er. «Aber wenn wir nachhaltig Leistung wollen — wenn wir wollen, dass Menschen freiwillig ihr Bestes geben — dann brauchen wir die Wärme. Nicht an Stelle von Anspruch. Zusammen mit ihm.» Dieses Prinzip nennen die Forscher Driven Benevolence — getriebene Guete. Und es ist der rote Faden, der sich durch alle 17 aussergewöhnlichen Coaching-Karrieren zieht.
«Sie sind kein Graf Dracula. Wir fanden Menschen, die Aussergewoehnliches mit aussergewoehnlichen Menschen tun. Man muss kein Ungeheuer sein, um grossartig zu sein.»
Verbindung vor Korrektur
Eines der prägnantesten Konzepte, die Lara-Bercial aus der Forschung mitgenommen hat, formuliert er mit vier Worten: Connection before correction. Verbindung vor Korrektur. Man kann niemanden wirklich etwas lehren, bevor man eine Verbindung hergestellt hat — bevor der Athlet weiss, dass der Coach ihn als Menschen sieht und sich um ihn sorgt. Diese Erkenntnis klingt simpel. Aber sie widerspricht dem, was viele Coaches in der Praxis tun.
Gewöhnliche Coaches stürzen sich auf die Fehler. Sie korrigieren, analysieren, optimieren. Das Taktikboard hat Priorität, die Beziehung kommt später — wenn überhaupt. Die 17 Seriengewinner dachten anders. Sie investierten zuerst in Vertrauen. Sie verstanden früh in ihrer Karriere, dass sie nicht im Sport-Geschäft sind. Sie sind im Menschen-Geschäft. Und wer das versteht, fängt an, Coaching fundamental anders zu betreiben.
Prof. Cliff Mallett, selbst medaillendekorierter Olympiacoach und Sportpsychologie-Professor an der University of Queensland, beschreibt es so: Grosse Coaches fördern gegenseitige Fürsorge. Nicht nur der Coach kümmert sich um den Athleten — der Athlet kümmert sich auch um den Coach. Diese gegenseitige Wärme schafft Vertrauen. Und dieses Vertrauen erst erlaubt es, wirklich an die Grenzen zu gehen.
Hohe Ansprüche und echte Wärme: kein Widerspruch
Ein zentrales Missverständnis in der Coaching-Kultur lautet: Entweder du bist nett — oder du gewinnst. Diese falsche Dichotomie kostet unzaehlige Talente und verursacht massenhaft unnötige Verletzungen, Burnout und Karriereabbrüche. Die Forschung von Lara-Bercial und Mallett widerlegt sie klar: Hohes Anspruchsniveau und echte Menschlichkeit schliessen sich nicht aus. Im Gegenteil — sie verstärken sich gegenseitig.
Die untersuchten Coaches beschrieben fünf Säulen einer Hochleistungskultur. Erstens: hohe Erwartungen und echte Konsequenz — nicht als Drohung, sondern als gemeinsame Identität. Zweitens: das unablässige Suchen nach Vorteilen. Jeder Stein wird umgedreht. Taktik, Ausrüstung, Ernährung, Mentaltraining — alles kommt auf den Prüfstand. Drittens: eine Trainingsumgebung, die permanent die Messlatte anhebt. Eine Anekdote aus dem Pep-Guardiola-Umfeld illustriert das eindrucksvoll: Zehn Minuten nach dem Gewinn der Premier League 2018 sprach Guardiola bereits mit seinen Assistenten darüber, was verändert werden muss. «Wenn wir das nicht ändern, gewinnen wir nicht wieder.» Sie gewannen zweimal in Folge.
Viertens: der Treibhauseffekt. Eine stabile, verlässliche Umgebung — trotz aller Herausforderung — in der Menschen aufblühen können. Und fünftens, oft unterschätzt: das Können, nach oben zu managen. Grosse Coaches beschränken sich nicht darauf, ihre Athleten zu führen. Sie beeinflussen auch die Entscheidungsträger über ihnen — Performance-Direktoren, Vereinsbesitzer, Verbände. Wer das nicht kann, riskiert, dass fremde Entscheidungen die eigene Arbeit untergraben.
«Hohes Anspruchsniveau und echte Menschlichkeit schliessen sich nicht aus — sie verstaerken sich gegenseitig.»
Eine Philosophie als innerer Kompass
Was tut man, wenn alles gleichzeitig zusammenbricht? Wenn ein Schlüsspieiler verletzt ausfällt, der Vorsitzende unter Druck setzt und die Mannschaft nach einer Niederlage am Boden ist? Gewöhnliche Coaches reagieren. Grossartige Coaches haben einen Rahmen, aus dem heraus sie handeln. Dieser Rahmen ist ihre Philosophie — ein Set klarer Werte und Prinzipien, das ihnen Orientierung gibt, wenn Dilemmas entstehen.
Mallett betont: Diese Coaches hatten nicht von Anfang an Klarheit über ihre Philosophie. Sie haben sie über Jahre erarbeitet, durch Erfahrung, Misserfolg und tiefe Reflexion. Aber einmal gefunden, wurde diese Philosophie zur stabilen Mitte in einem turbulenten Beruf. Ein Coach im Sample beschrieb es mit einem Strassenbild: Er kannte das Ziel, er kannte die Autobahn dorthin. Manchmal musste er einen Umweg fahren — Reifen wechseln, tanken. Aber er wusste immer, wo die Autobahn war.
Diese Coaches dachten in Dimensionen von acht bis zehn Jahren — ganze olympische Zyklen voraus. Sie erkannten, dass sie nicht nur auf ihren Sport reagieren, sondern ihn mitgestalten. Wie Guardiola den deutschen Fussball veränderte, als er zu Bayern München kam — und dabei gleichzeitig selbst verändert wurde. Diese Art von Visionsklarheit ist selten. Und sie ist eines der markantesten Merkmale, das Seriengewinner von einmaligen Erfolgen trennt.
Seriell unsicher — und trotzdem geerdet
Hier liegt eine der überraschendsten Erkenntnisse des gesamten Projekts, und eine, die Lara-Bercial persönlich befreit hat: Diese Supercoaches zweifeln an sich. Trotz allem. Trotz der Goldmedaillen, trotz der Jahrzehnte des Erfolgs, trotz der weltweiten Anerkennung — sie fuehlen sich noch immer unsicher. Die Forscher nennen es «seriell unsicher»: ein fundiertes Selbstvertrauen auf Basis der geleisteten Arbeit, gepaart mit einem gesunden, nie verschwindenden Zweifel.
Für Lara-Bercial war das eine Befreiung. Wenn diese Superstars des Coachings sich unwohl fühlen dürfen — dann darf er das auch. Diese Erkenntnis hat eine direkte praktische Konsequenz: Coaches, die lernen, mit Unsicherheit umzugehen statt sie zu verdrängen, entwickeln eine stabilere Emotionskontrolle. Und die braucht es. Die Besten, so die Forschung, bleiben in Hochs und Tiefs moeglichst ausgeglichen. Nicht zu hoch nach dem Sieg, nicht zu tief nach der Niederlage. Sie beschreiben sich als Chamaeloene — anpassungsfähig in Stil und Ton, aber stabil in Werten und Haltung.
Soziale Intelligenz: Das Entscheidende
Wenn Mallett die drei wichtigsten Qualitaeten der untersuchten Coaches benennen soll, landet er bei einem Begriff, der selten auf Fuehrungsseminaren auftaucht: soziale Intelligenz. Nicht emotionale Intelligenz — soziale Intelligenz. Den Unterschied beschreibt er so: Grosse Coaches sehen Dinge. Kleine Dinge. Eine minimale Veraenderung im Verhalten eines Athleten, eine Anspannung in der Gruppe, ein leises Signal des Zweifels. Und sie handeln danach.
Das ist kein Talent, das man hat oder nicht hat. Es ist eine Fähigkeit, die man trainieren kann — wenn man bereit ist, den Blickwinkel zu erweitern. Mallett fragt rhetorisch: «Was siehst du? Was siehst du nicht? Wenn du zu tief im Graben bist, siehst du gar nichts mehr.» Grosse, erfolgreiche Coaches wissen, wo sie sich positionieren müssen, um wirklich zu beobachten. Und sie wissen, was sie mit dem Gesehenen anfangen.
Dazu kommt kognitive und emotionale Flexibilität. Die Fähigkeit, sich zu fragen: Was braucht diese Person, dieses Team, dieser Moment von mir? Muss ich heute der Taktikvisionär sein? Der empatische Zuhörer? Der fordernde Perfektionist? Oder der, der Freude in den Raum bringt? Seriengewinner wechseln diese Rollen mit der Leichtigkeit von jemandem, der weiss, wer er ist — gerade weil sie in ihren Werten stabil sind.
Was erfolgreiche Coaches dauerhaft macht
Am Ende des Gesprächs mit Lara-Bercial und Mallett bleibt ein Begriff hängen, den Interviewer David Turner in den Raum gestellt hat: «relentless becoming». Ein unablässiges Werden. Diese Coaches hören nicht auf, sich zu entwickeln. Sie sind keine fertigen Experten. Mallett sagt von sich selbst: «Ich betrachte mich nicht als Experten. Aber ich bewege mich in diese Richtung. Vielleicht komme ich dort an. Vielleicht nicht.» Diese Haltung, gelebt über Jahrzehnte, ist das Fundament des Seriengewinners.
Gewöhnliche Coaches suchen Rezepte. Aussergewöhnliche Coaches suchen Prinzipien. Der Unterschied ist fundamental: Ein Rezept sagt dir, was du tun sollst. Ein Prinzip gibt dir einen Rahmen, um selbst zu entscheiden. Die Seriengewinner hatten keine Schritt-fuer-Schritt-Anleitung. Sie hatten Werte, die sie leiteten, wenn keine Anleitung greift — wenn es 10 Minuten vor dem Olympiafinale ist und alles auf dem Spiel steht.

Und schliesslich: Sie haben verstanden, dass nachhaltiger Erfolg nicht aus Angst wächst. Viele Coaches einmal gewinnen können — mit Druck, mit Drohung, mit der Energie des Nordsturms. Aber dann verschwinden sie. Weil niemand mehr mit ihnen arbeiten will. Weil die Menschen, die sie geführt haben, gebrochen statt gewachsen sind. Die Forschung von Lara-Bercial und Mallett zeigt: Wer wiederholt gewinnen will — nicht nur einmal, sondern über Jahrzehnte — braucht die Sonne. Beides zusammen ist möglich. Und alles andere wäre Verschwendung.
Quellen:
Prof. Sergio Lara-Bercial (Leeds Beckett University / ICCE) und Prof. Cliff Mallett (University of Queensland): «Learning from Serial Winning Coaches» — Interviews mit 17 olympischen Seriengewinner-Coaches in 10 Sportarten und 10 Laendern. Podcast: «Lessons from the Great Coaches», Episode ueber Serial Winning Coaches. Webinar: «Driven Benevolence — Leadership Lessons from Olympic Serial Winning Coaches», Human Kinetics, 2017.


